Die Rechtfertigung des Gottlosen

Eberhard Jüngel

 

 

Worum es geht

Es empfiehlt sich, zunächst einmal ganz grob zu plakatieren, worum es eigentlich geht, wenn das Evangelium von der Rechtfertigung des Gottlosen seinen Wahrheitsanspruch erhebt.

1. Es geht, ganz kurz gesagt, um Leben und Tod, genauer: um das Entweder-Oder von Leben und Tod. Und da Leben im theologischen Urteil immer Zusammenleben bedeutet, geht es genauer hin darum, ob ich jetzt und in Ewigkeit mit Gott zusammenzuleben das Recht habe oder aber im Grunde mit niemandem zusammenzuleben vermag und also dem Tod verfallen bin. Denn im Tod zerfällt mit dem Zusammenleben auch das Leben.

2. Es geht um meine Person, um mich selbst also, um das Personsein des Ich. Wer oder was macht mich zu der Person, deren Würde unantastbar ist? Ich mich selbst? Die Gesellschaft? Oder Gott?

3. Es geht um Gott und um die Frage, was in Wahrheit göttlich ist. Und es geht darum, mit welcher Art von Menschlichkeit der sich als Ebenbild Gottes verstehende Mensch der Göttlichkeit Gottes entspricht. Also: Wer oder was ist ein wirklich göttlicher Gott? Wer oder was ist ein wirklich menschlicher Mensch?

4. Es geht um die über alle diese Fragen entscheidende Beziehung Gottes zum Menschen und um die Beziehung des Menschen zu Gott. Und es geht um die Geschichte, in der sich diese wechselseitige Beziehung ereignet. Genauer noch geht es um das zentrale Ereignis innerhalb dieser Geschichte: um den Kreuzestod Jesu Christi. Hat dieser Tod etwas zu sagen? Und wenn er etwas zu sagen hat, wenn er uns etwas zu sagen hat: was genau ist das? Und in welcher Vollmacht, mit welcher Autorität und mit welcher Kraft redet ein solches Wort vom Kreuz? Mit der Autorität einer in diesem Tod endenden und vielleicht sogar sich vollendenden Geschichte und also mit der Vollmacht und Kraft der Vergangenheit?

Es war einmal ...?

Oder mit der Kraft einer neu anhebenden Zukunft, die stark genug ist, um auch auf die Vergangenheit eines gelebten und im Tode beendeten Lebens schöpferisch so zurückzu-kommen, daß die Wahrheit und Bedeutsamkeit dieses Lebens und dieses Todes ans Licht kommt?

Ist das Wort vom Kreuz eine Grabrede, oder ist es ein Wort, das Leben, neues Leben, ein den Tod überwindendes Leben freisetzt? Kurz: Es geht um die Auferweckung Jesu Christi von den Toten und um unsere Teilhabe an seinem Tod und seiner Auferstehung.

5. Es geht also um Partizipation, nämlich um die Teilgabe, die Teilnahme und die Teilhabe an der Geschichte Jesu Christi. Wie vollzieht sich die Teilgabe, wie unsere Teilnahme und Teilhabe? Wenn Jesus Christus der an seiner Geschichte Teilgebende ist, wie und in welchem Sinne sind wir dann Teilnehmende und Teilhabende? Und wie, in welcher Weise ist er der Teilgebende'?

Ist es das Wort vom Kreuz und also das Evangelium allein, durch das uns Jesus Christus an seiner Geschichte teilgibt? Oder gehört das uns fordernde Gesetz dazu? Und wenn ja, wie? Und wenn es das Wort allein ist, durch das uns Jesus Christus an seiner Geschichte Anteil gibt, wie gehören dann die sogenannten Sakramente dazu? Bestätigen sie die These von der Teilgabe an der Geschichte Jesu Christi allein durch das Wort? Oder machen die Sakramente dem Wort Konkurrenz?

Und wie steht es mit unserer eigenen Teilnahme? Ist es der Glaube und er allein, durch den wir an der Geschichte Jesu Christi Anteil nehmen? Oder partizipieren wir auch aufgrund unserer gelingenden Lebensführung, aufgrund unserer guten Werke, also durch das, was wir selber tun und bewirken, an ihr?

Und gibt es über die aktuelle Teilnahme im Ereignis des Glaubens hinaus auch eine kontinuierliche Teilhabe an dieser Geschichte? Und wenn ja, in welcher Gestalt? In Gestalt der Kirche? Doch was ist das: die Kirche? Ist sie etwas anderes oder gar mehr noch als die Gemeinschaft gerechtfertigter Sünder?

6. Vor allem und in dem allen aber geht es um die Gerechtigkeit: um Gottes Gerechtigkeit und um unsere Gerechtigkeit. Wie geht Gott in seiner Gerechtigkeit mit unserer Ungerechtigkeit um? Und parallel dazu, wenn nicht in eins damit, geht es um Gottes Gnade und um unsere Schuld. Wie verhält sich Gottes Gnade zu seiner Gerechtigkeit und wie seine Huld zu unserer Schuld?

7. Und wenn es in alledem zugleich immer um mein Personsein geht, welche Funktion hat dann mein Gewissen im Rechtfertigungsgeschehen? Redet es mit? Und wenn ja, wie redet diese seltsame personale Instanz, in der zur Entscheidung steht, ob ich im Widerspruch mit mir selber leben muß oder aber im Frieden mit mir selber leben kann, mit? Kann das Gewissen zum Schweigen gebracht werden? Und wenn ja, wie? Kann ein von seinem Gewissen angeklagter und verurteilter Mensch gerechtfertigt werden?

 

Jüngel: Die Rechtfertigung des Gottlosen Seite 3 – 4. Mohr-Siebeck