Kirche und Gemeinde

 

 

Kirche von Oben und Kirche von Unten.

 

Hier gibt es einen Konflikt, der mehr als peinlich ist, dem man aber nicht beikommt, indem man ihn "versteckt", es ist eigentlich ein Konflikt zwischen der Sprache kirchlicher Theologie und der Sprache der Laien und der sog. Evangelikalen.

Einen Konflikt zwischen der

Kirche von Oben und der Kirche von Unten,

zwischen den Fachleuten oben und den Laien unten,

im ursprünglichen traditionellen Verständnis als

die Heiligen oben und die Sünder unten,

die Lehrer oben, die Laien, Unwissenden und die Lernenden und Hörenden unten,

die Leiter oben und die Gehorsamen unten untertan.

 

Dies klingt in der Tat aggressiv bis polemisch gegen Bevormundung, Entmündigung und beleidigt unser demokratisches Bewusstsein und auch das urchristliche Bewusstsein der Brüderlichkeit.

 

Dies ist aber nun mal die traditionelle Struktur, die nicht mehr so recht zur heutigen Situation des mündigen Bürgers und auch Christen passt, in der die Laien heute fast in der gleichen Situation der damals ungebildeten Apostel und Christen im Kerygma sind gegenüber den hoch gebildeten Pharisäern und griechischen und römischen Philosophen und Rhetorikern allermöglichen Richtungen.

Und in der Tat sind es nur die Theologen und Pfarrer da oben, die sich untereinander mit „Bruder“ ansprechen.

Ich appeliere vorweg: Wir Christen sollten uns dennoch in dieser Umbruchzeit nicht mit Gedankenlosigkeiten gegenseitig beleidigen.

Und recht gedankenlose alte Struktur  und Arroganz stellt sich allzu leicht auch auf beiden Seiten ein, nicht nur gegen die andere Seite, sondern in überkommener alter Tradition jeweils hier wie da auch untereinander, d.h. jeweils nach Unten.

So manches daran ist nun mal einfach menschliche Schwäche, Gewohnheit und situationsbedingtes oft rein rhetorisches Verhalten eines Predigers zu seinen Zuhörern.

 

Schwieriger zu verstehen und nicht allein menschliche Schwäche ist das Missverhältnis, dass sich vorwiegend aus den unterschiedlichen Intentionen beider Seiten ergibt.

Akademisch textkritischer Hochmut sieht geradezu abweisend und es besser wissend herunter auf den "unkritischen" Bibelglauben der Evangelikalen, der Wiedergeborenen, als sei es eine Art primitiver Aberglaube, der weder die vielen "Widersprüche" und "Ungereimtheiten" im NT, in den Evangelien, in der Textwahl und ursprünglichen Bedeutung in der damaligen Begrifflichkeit reflektiert, noch die tiefen ganz positiven Auslegungen z.B. von Barth, Bultmann, Jüngel und Pannenberg kennt, tief gläubige Christen. (ebsnso Otto Procksch, Schleiermacher, Rothe, Seeberg, Ihmels, Kaftan, Gloeges, Rothe, Vriezen, Wilckens, Kuhn, Rössler, Kümmel, Bacher, Dalman, Kittel, Todt, Conzelmann, Ebeling und viele andere) Letztlich hat und behält jede Aussage und Ansicht das Vorzeichen des Autors, eben als seinen Glauben.


Wie kommt es aber zu der Problematik dieser zwei dennoch grundverschiedenen Denkweisen?

 

Ich denke, dass sich das Verhältnis beider Seiten durch eine sachlichere Definition der unterschiedlichen Intentionen erheblich verbessern kann, weil sich genau dadurch die gegenseitige Infragestellung aufhebt.

Denn so "primitiv" ist dieser Glaube auch bei Evangelikalen nicht. "Brannte nicht unser Herz in uns?"

Mit Intention meinen wir, was jemand will, worauf es bei ihm hinausgeht.

 

 

Seite A: Theologie:

Die traditionelle Theologie und traditionell kirchliche Predigt  will das rechte und richtige Verständnis der Bibel und der christlichen Botschaft. Sie muß es logisch begrifflich – ja wissenschaftlich korrekt - mit Zitaten aus der Bibel und Kirchenlehre begründen.

Detail: "Die Predigt" aus: Adolf Friedrich Erdmann von Menzel: Kanzelpredigt in der Pfarrkirche zu Innsbruck. 1881

 

Seite B: Evangelisation:

Die Evangelikalen wollen und müssen narrativ – mit eigenen Worten - ihr persönliches Erlebnis mit Gott und Jesus und dem Heiligen Geist darstellen. Erlebnisse, die sich mit Worten eigentlich gar nicht beschreiben und schon gar nicht beweisen sondern nur umschreiben und dem anderen nur indirekt verständlich machen lassen, sei es das Erlebnis bei der Lektüre der Bibel, bei der mir das „Herz offen ging“ oder sei es die wundersame Handlung oder Hand Gottes, seine gespürte Gegenwart, die in eigenen Lebensumständen erfahren wurde.

 

Die Schwäche der Theologie liegt genau in dem, worin auch ihre Stärke liegt: Schwierige, nüchtern abstrakte, fast wissenschaftliche Sprache, Objektivität und Gefühlszurücknahme – eben des Subjektiven, bis zur sachlichen Kälte.

Die Schwäche der Evangelisation liegt genau umgekehrt in dem subjektiven Engagement, dem anderen gegenüber glaubwürdig zu sein, ihn bis zur peinlichen Zudringlichkeit und Penetranz überzeugen zu wollen, und das mit Gedankenbildern, die oft der Bibel in der jeweiligen Sprache entnommen sind und dann diese als Beweis anführen. Hang zur Dogmatik.

 

Die Stärke beider Seiten liegt in deren eigentlicher Intention.

Die Schwächen der eigenen Intention sollte es leicht machen, die Stärke der anderen anzuerkennen und deren Schwäche zu ertragen und zu verzeihen, - zumindest im Umgang miteinander zu versachlichen.

Beide Seiten sind ohne einander tatsächlich oft unerträglich.

 

Und so "primitiv" und weltfremd ist dieser Glaube auf beiden Seiten nicht. "Brannte nicht unser Herz in uns?"

Beispiel:
Wenn wir im Markus 16.19 oder im Glaubensbekenntnis sprechen:
"Er( Jesus) sitzet zur Rechten Gottes." Dann denkt niemand, auch kein Evangelikaler daran, daß die beiden seit 2000 Jahren dauernd nebeneinander sitzen. Auch nicht, daß sie ab und zu aufstehen und nebeneinander spazierengehen oder fliegen oder was auch immer.
Trotzdem dürfen - und ich meine - müssen wir hinterfragen: wenn es nicht so gemeint ist, wieso steht das dann da. (Faktisch befaßt sich die ganze Trinitätslehre damit.)
Abgrund wäre dann zu folgern:
Wenn es nicht stimmt und gemeint ist, was da steht, was stimmt dann überhaupt und wer entscheidet darüber?

Mohammed, nach seinen spirituellen Erlebnissen, kam derart textkritisch schon vor 1400 Jahren zu dem Schluß: "Es stimmt eben nicht. Es sind rein menschliche Erfindungen. Neben Gott sitzt keiner. Und er hat weder Vater noch Mutter und auch keine Kinder."
Er wurde damit, nämlich durch die empirisch materialistische Auffassung, blind für den Auferstandenen und das Geschehen Jesu. Er wurde blind für das, was mit Markus 16.19 ausgesagt wird, was eben nicht wissenschaftlich und nicht empirisch oder biologisch zu verstehen ist.
Wie an diesem einen Textbeispiel, kann und darf und muß man an jede Textstelle herangehen, eben sich selbst reflektierend.
Und so bekommt man auch ein Verständnis für den anderen und Andersdenkenden.

So schreibt der große Theologe Pannenberg, - zwar nicht direkt, aber doch inhaltlich zu der Problematik Markus 16,19:

„Indem die Liebe die konkrete Gestalt der göttlichen Einheit in ihrem Weltverhältnis realisiert, stellt sie sich zugleich als Aufhebung der Vielheit der göttlichen Eigenschaften in die Einheit des göttlichen Lebens dar. Deren Unterschiede verschwinden nicht einfach, aber sie haben ihre Realität nur als Momente der Lebensfülle der göttlichen Liebe. Ebenso haben die Relativität des Wesensbegriffs, die Differenz von Wesen und Eigenschaften, sowie die andere zwischen Wesen und Erscheinung, Wesen und Dasein, ihre konkrete Wahrheit in der trinitarischen Dynamik der göttlichen Liebe. Die Liebe ist das Wesen, das nur in seiner Erscheinung, in den Gestalten seines Daseins, nämlich in Vater, Sohn und Geist, das ist, was es ist, indem es sich in den Eigenschaften seiner Erscheinung ganz und gar gibt und manifestiert.“

Dies ist sicher keine missionarische Aussage, sondern als systematische Theologie der Versuch, die Schwierigkeit des genannten Textes auch gedanklich auf die Reihe zu bringen.

Der zitierte - recht akademische - Text von Pannenberg (Systematische Theoliegie Band 1, Seite 482) ist ohne den Zusammenhang zu kennen, natürlich schwer oder gar nicht zu verstehen. Er fragte vorher, und kann es erst in einem nächsten umfangreichen Band näher ausführen, ob die Einheit vieler Eigenschaften ohne weiteres als eine einzige - eben neue - Eigenschaft gedacht werden kann, die Einzigkeit Gottes als bestimmte Eigenschaft abgegrenzt bzw. unterschieden von anderen Eigenschaften.

Die Kirche in der Tradition bis zum Kerygma und bis Jesus bestimmte die wahre Lehre und Auslegung und zwar in einer offiziellen Form, Diktion und auch Dogmatik als Abgrenzung und Schutz gegen Häresie, Mißverständlichkeit und Irrlehre. Die ständige Entwicklung biblischer Auslegung sowohl innerhalb der Dogmatik, wie aber auch zentrifugal hinaus über die dogmatisierte Begrifflichkeit bis zum gefährlich Häretischen, ist dennoch ein aufregender oft freilich tragischer, wenn auch fast rein akademischer Prozess über die Reformation hinaus bis heute.
Wie gesagt, in offizieller Form und präziser Begrifflichkeit und Absicht.

Der Christ in der Kirche von Unten dagegen formuliert seinen Glauben und seine Glaubenserfahrung privat, in privater spontaner Begrifflichkeit. Dies ist bereits formalsprachlich ein anderer Stil und hat eben auch eine andere Funktion, Absicht und Aufgabe, nämlich eine missionarische.
Natürlich hat auch dies eine Schwäche. Wer wollte dies leugnen. Manchmal rücken heutige private Gedankenbilder, Glaubwürdigkeit suchend oder unterstreichend, eklektisch - verdächtig nahe an Gedankenbilder biblischer Texte, die ihrerseits bereits spontane Gedankenbilder waren aus den ersten Jahrzehnten nach Jesu Auferstehung mit Begriffen lutherischer Übersetzungen.

Die Kirche von Unten ist und bleibt jedoch das eigentliche Thema, die eigentliche Aufgabe und Legitimation der Theologie überhaupt, - bereits seit und mit Paulus.

 

In einem vernünftigen Umgang miteinander sollten wir reflektieren, dass wir von der jeweils anderen Möglichkeit des Antwortens und der Suche nach Antwort wissen, also von der jeweils anderen Intention und ihrer Berechtigung und dies auch in der Art unserer Rede deutlich werden lassen, aber auch erkennen lassen, dass wir uns auch solchen Wissens und Reflektierens des anderen bewusst sind,  - und zwar durch die Weise unserer Rede, - aber eben auch die Begrenztheit unseres Verstandes und Vermögens kennend, dem wir in beiden Richtungen sehr bald schon ausgesetzt sind.

 

Z.B. bei der Frage: „Woher wissen wir von Gott?“ (Ich will beide Arten der Intention vereinfachen.)

1. Der Evangelikale oder Laie wird mit eigenen Worten seine Erfahrungen schildern, z.B. indem er Gebet, Bibellektüre und Erhörung bei einer Krankheit schildert. Die skeptischen Argumente, ob es keine natürliche, psychosomatische oder ärztliche Kausalität gewesen sein könnte, und wie er Gott als den Heiler und Heiland darin beweisen könne, und dass er die Existenz Gottes mit Hilfe Gottes nicht schon vorweggenommen habe, wird er am Ende nur damit ergänzen können, dass er persönlich darin Gottes Hilfe und damit die Existenz Gottes erfahren habe und dies glaube: Gott habe sich ihm dadurch selbst offenbart. Er kann dies durchaus so formulieren, dass er die mögliche Skepsis anderer kennt und auch versteht.

 

2. Ein Theologe wird dagegen die Selbstoffenbarung Gottes zuerst in der Bibel suchen und mit Bibelstellen nachweisen und klären, wo immer dies in direkter oder indirekter Form erkennbar ist, ob und wo es ausdrücklich oder nur angedeutet in der Schilderung so gemeint ist; „Ist Mein Wort nicht so wie Feuer, spricht der Herr, und wie ein Hammer, der Felsen zerschlägt?“ (Jeremia 23,29) und er wird sich mit den unterschiedlichen Ansichten anderer Theologen darüber anhand von Übersetzungen aus dem Urtext auseinandersetzen. Haben wir hier Gottes Wort oder nur eine Rede über Gottes Wort als Zitat oder als individuelle Wortwahl des Propheten. Er wird die Frage beantworten müssen, ob dabei die Bibel oder das in der Bibel geschilderte Ereignis solche Offenbarung enthält und wie beides logisch zusammenhängt. Er muß klären, wie Sinn und Bedeutung grundsätzlich mit einem Wort und wie solches in diesem Einzelfall zusammenhängt und sich bedingt, ob unmittelbar oder vermittelt usw. Er wird sich dabei mit Philosophie, Naturwissenschaft, Psychologie, Semantik und Mathematik und deren Grenzen auseinander setzen müssen.

Beide Seiten wissen voneinander, dass man die Bibel ganz unterschiedlich gelesen hat und dass man die Bibel derart unterschiedlich lesen kann und darf, und beide Seiten können dies Wissen voneinander durch eine kleine Einfügung, durch einen liebevollen Hinweis signalisieren, denn beide Arten der Bibellektüre schließen einander nicht aus, keine Seite verlegt von sich aus die Intention der anderen Seite, auch wenn die Arbeit des Theologen ein langes Studium voraussetzt, die Erfahrung mit Gott selbst dagegen überhaupt nicht.

FS